Pocken

20.08.2022, Hans Tolzin: Die wahre Ursache der Pocken, Teil 1

Photo: Tolzin, mit freundlicher Genehmigung.


Zu den erfundenen Seuchen der letzten Jahre und Jahr-zehnte sind nun die Affenpocken dazugekommen. Dies nehme ich zum Anlass, mich mit dieser Krankheit – und auch mit den Menschenpocken – einmal gründlich medizinhistorisch zu beschäftigen. Ich lade meine Leser ein, sich an dieser Forschungsreise zu beteiligen. Nur Mut!

Die WHO hat vor Kurzem eine Affenpocken-Pandemie ausgerufen und hofft möglicherweise, auf diese Weise die weltweite Panikmache – und damit die weltweite Spendenbereitschaft auch nach dem Abflauen des Corona-Hypes aufrecht zu erhalten.

Abgrenzung zwischen Menschen- und Affenpocken

Das habe ich zum Anlass genommen, die nächste Ausgabe meiner Zeitschrift „impf-report“ den Affenpocken zu widmen, die am 1. Oktober erscheinen soll.

Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Affenpocken“ beinhaltet jedoch eine auf Fakten basierte Abgrenzung zu den Menschenpocken. Somit beginnen meine Recherchen also mit der Frage, was genau die Pocken eigentlich sind bzw. waren, welche Ursachen sie wirklich hat und wie sie behandelbar sind.

Denn dass die herkömmliche Ansteckungstheorie, so wie sie gelehrt wird, nicht stimmen kann, scheint mir inzwischen offensichtlich. Siehe dazu auch meine Recherchen zu Polio, Tetanus, Diphtherie, Schweinegrippe, Vogelgrippe, SARS1, SARS2, Blauzungenkrankheit, EHEC, Spanische Grippe, HPV und Masern. Recherchen, mit denen ich vor mehr als 20 Jahren begonnen habe. Meine Bücher

Es wird somit Zeit, nun auch die „Mutter aller impfbaren Infektionskrankheiten“, nämlich Pocken, medizinhistorisch zu analysieren.

24.08.2022, impfkritik: Die wahre Ursachen der Pocken. Dr. Oidtmann, Teil 1

Trotz der fast vollständigen Durchimpfunge der damaligen Bevölkerung kehrte die Geißel nach sechzigjährigem Pockenfrieden im Jahre 1870 nach Deutschland zurück. Die offiziellen Schuldigen: die wenigen ungeimpften Säuglinge. Dr. Heinrich Oidtmann kam als einer der Wenigen zu ganz anderen Schlussfolgerungen. Nachfolgend der erste Teil einer Publikation aus dem Jahr 1882. Ähnlichkeiten mit aktuellen Ereignissen sind sicherlich reiner Zufall…

(Hans U. P. Tolzin, 24.08.2022)

Dr. Heinrich Oidtmann, 1882
Geschichte der Pocken: ein Culturkampf der Medicin
Faksimile-Nachdruck von 2021, Universitätbibliothek Regensburg

Zitat:

Nach sechzigjährigem Pockenfrieden erschienen in Deutschland im Jahre 1870 als längst vergessener Gast  in epidemischer Ausbreitung die Blattern. Ein Jahr vorher schon waren sie in verschiedenen Küstenländern, namentlich in Hafenplätzen, aufgetaucht, so in Marseille, Havre, Antwerpen, London.

Auf den aufmerksamen Beobachter musste namentlich der letztere Umstand den Eindruck machen, dass das Pockengift (ähnlich wie die Trichinen in den amerikanischen Schinken) durch den Schiffsverkehr in irgend einer Massenware nach Europa plötzlich eingeführt worden sei, dass also die Pocken in Europa buchstäblich gelandet waren.

Auffallend war es nur, dass von allen seefahrenden Völkern Schweden das einzige Land war, welches bei der ersten Pockeninvasion im Jahre 1869 leidlich verschont blieb, – eine Ausnahme, welche von den ärztlichen Gelehrten noch im Jahre 1872 so gedeutet wurde, als ob in Schweden die dort sein 1816 musterhaft durchgeführte Kuhpockenimpfung die Bevölkerung vor den Pocken geschützt hätte; doch sollte diese Annahme schon vier Jahre später durch die verheerenden Pockenepidemien von 1873/74 sich für Schweden als irrig erweisen.

Kurz, von dieser Ausnahme abgesehen, können wir sagen, dass Europa schon im Jahre 1869 von einem Küstengürtel kleinerer und größerer Pockenherde in den Hafenstädten eingeschlossen war, und dass die Kreise der befallenen Strecken sich immer enger zog.

Die Medizinal-Verwaltungen in den deutschen Landen hatten damals schlecht Wacht gehalten, sonst hätten sie erkennen müssen, dass die Pocken vom Jahre 1870 nicht, wie man lange Zeit annahm, französischen, sondern überseeischen Ursprunges, dass sie in den Hafenplätzen ans Land gestiegen waren und von hier aus auf ganz bestimmten, nachweisbaren Verkehrswegen ihre Wanderung binnenwärts bis in das Herz von Deutschland hinein fortgesetzt hatten.

Einer internationalen Seuchenwacht, wenn eine solche damals bestanden hätte, würde dieser eigentümliche Zug der Epidemie, welcher an den Handelsverkehr sich anheftete, nicht verborgen geblieben sein.  So aber wurden die Träger des überseeischen Pockengiftes unerkannt und daher unbeantwortet, wie wir gleich sehen werden, von den Küstenländern aus über ganz bestimmte Industrieplätze nach Deutschland gleichsam hineingeschmuggelt.

In allen Ländern sahen wir die Sanitätsbehörden seltsamer Weise nur nach ungeimpften, gesunden Wickelkindchen fahnden und sie verfolgen, als wären sie die Pockenanstifter, während man die mit Pockengift gesättigten Sachen unbehelligt in den freien Verkehr übertreten ließ.

Allerseits hörte man unter Ärzten und Laien die Frage: Woher kommen uns auf einmal die Pocken? War diese Krankheit nicht durch die Impfung für immer verbannt? Die Staats- und Katheder-Mediziner hatten ihre Antwort bereit: Die Pocken sind entstanden, – so verkündeten die Gelehrten, – aus einer Anhäufung ungeimpfter Individuen. Unbekümmert, ob die letztere Annahme auch wahr sei, ob wirklich damals eine außergewöhnliche Anhäufung ungeimpfter Individuen bestanden habe, machte man ohne Weiteres die noch nicht geimpften Säuglinge für das ganze Pockenelend Europas verantwortlich.

Und doch hatte selbst das königliche statistische Büro in Berlin durch Herrn Dr. Guttstadt der Stadt Berlin und der Bevölkerung Preußens das Zeugnis ausgestellt, dass 92-96% ihrer Bevölkerung geimpft sei, somit eher von einer Anhäufung geimpfter und wiedergeimpfter, als ungeimpften Individuen geredet werden könne.

Unbekümmert darum, dass – laut den Urpockenlisten der Bürgermeistereien – überall keineswegs die beschuldigten ungeimpften Kindchen, sondern nur Geimpfte und Wiedergeimpfte es waren, welche, unter den Augen der behandelnden Ärzte, zuerst und am Massenhaftesten erkrankten, klagte man dennoch nicht diese, sondern die noch nicht geimpften Kindchen, also gesunde, unbescholtene Säuglinge an, die Schuld an dem Ausbruche und der Weiterverbreitung der Pocken zu tragen, – eine Beschuldigung, welche an Gehässigkeit und Frivolität alle mittelalterlichen Verfolgungen schuldloser Hexen überbietet.

Doch es sollte in Deutschland bei der Beschuldigung nicht bleiben; die sich liberal nennende Majorität des Reichstages sprach, ohne die Gegenbeweise anzuhören, ja ohne sogar den Anklägern die Schuldbeweise abzufragen, über die Millionen unschuldiger Wesen das Schuldig aus.

Es wurde im Jahr 1874, unter dem Widerspruch des Zentrums, ein drakonisches Staatsgesetz, das Impfgesetz, geschaffen, wonach jeder neugeborene Mensch zur vorbeugenden Entgiftung mit einer vergifteten Impflanzette verfolgt werden soll.

Nicht genug, dass durch den Erlass dieses seltsamsten aller Zwangsgesetze aus der nationalliberalen Ära die ganze Klasse der Kinder unter 2 Jahren gleichsam in die Reichsacht getan war: wir sehen auch von diesem Augenblicke an in der ärztlichen Wissenschaft, in der Medizinal-Verwaltung, in dem ärztlichen Vereinsleben und in der ärztlichen Praxis einen faulen Stillstand im Forschen nach der wirklichen Ursache der Pocken eintreten.

Die Fragen „woher kommen die Pocken?“ und „durch was werden sie weiter verbreitet?“ waren für die Herren jetzt müßige Fragen geworden; das induktive Forschen nach einer natürlichen Ursache des Kommens und Verschwindens der Epidemien galt als unberechtigter Vorwitz.

Abb.
Photo: Dr. Oidtmann, public domain.

War den Herren doch vorausgesagt worden, und glaubten sie doch sich überzeugt zu haben, dass das Ungeimpftsein einiger Menschen ganz allein die Ursache sei, wenn die Gesamtheit, wenngleich geimpft und wiedergeimpft, von den Pocken heimgesucht werde. Die Wissbegierde der Medizinerwelt war vollkommen befriedigt, oder besser gesagt, abgefunden.

Hätte man damals ein Auge gehabt für die topographische und geographische Reihenfolge der Pockenausbrüche in den verschiedenen Ländern und für die Gleichzeitigkeit vieler Ortsepidemien in den entlegenen Gegenden, man hätte selbst vom Standpunkte der Verfechter der Impfschutztheorie sich dem Eindruck nicht verschließen können, dass außer dem negativen Moment, dem Nichtgeimpftsein eines kleinen Bruchteiles der Bevölkerung, doch auch noch eine erkennbare positive Schädlichkeit existieren müsse, welche dem plötzlichen Auftreten der Pandemie vorangegangen sein musste, und zwar eine Schädlichkeit, welche erkennbar war, und welche auf dem ermittelten Wanderwegen alle die Länder überflutet hatte.

Es musste zwischen der früheren pockenfreien Zeit von 1809-1870 und den Pockenjahren 1870/73 etwas Großartiges eingeschoben stehen, was, wenn auch noch nicht erkannt, als die natürliche Ursache der Pocken gelten musste. Und dieses großartige „Etwas“ nicht gesehen zu haben, wiewohl es vor aller Augen lag, das gereicht der vornehmen Heilkunde der Jetztzeit für immer zur Beschämung.

Besonnenheit den Pocken gegenüber war in den Seuchenjahren, 1870-73, wirklich mehr bei den Bürgermeistern als bei den Ärzten und Medizinalbeamten zu Hause, die Ärzte hatten den Kopf verloren. So wohnte in meiner Nähe ein Dorfbürgermeister, in dessen Bezirk die Pocken ausgebrochen und nur Geimpfte und Wiedergeimpfte ergriffen und getötet, dagegen alle Ungeimpfte verschont geblieben waren.

Dieser Herr machte an den königlichen Regierungs- und Medizinalrat in Aachen über die Seuche einen Bericht, welcher alle damaligen Ärzte ob ihrer Angst vor „ungeimpften Individuen“ beschämt. Er meldete nämlich, dass in den verschiedensten Dorfvierteln nur in denjenigen Familien und nur bei denjenigen Personen die Pocken ausgebrochen seien, welche sich mit dem Sortieren fremder Lumpen für die Papierfabrik beschäftigt hatten, und beantragte eine Überwachung des Lumpenverkehrs.

Die königliche Medizinal-Verwaltung gab auf diesen einzig vernünftigen Vorschlag gar keine Antwort, sondern befahl sofort eine nochmalige Massenimpfung der doch bereits so musterhaft durchgeimpften Bevölkerung.

Dieser Bürgermeister war übrigens nicht der einige; ich könnte mehrere namhaft machen, welche damals über die Verblendung der Ärzte, die Schuld für die Pockenepidemien bei den ungeimpften Kindern zu suchen, den Kopf schüttelten. Besaßen doch gerade die Bürgermeister in den auf ihrem Büro zusammenlaufenden Erkrankungsanmeldungen, also in den amtlichen Pockenjournalen, ergänzt durch die Impflisten, die unanfechtbaren Beweise für die Schuldlosigkeit der von den Ärzten angeklagten ungeimpften Säuglinge bei dem Zustandekommen der Pocken.  

Kurz, damals war niemand bezüglich der Quelle des Pockengiftes schlechter unterrichtet und mehr von Vorurteil befangen, als die Ärzte.

Die moderne Heilkunde sucht – wie das u. a. aus dem diesjährigen Preisausschreiben für die Diphtheriefrage hervorgeht, – die Ursachen der Volkskrankheiten auf drei Forschungswegen herauszubringen, nämlich 1) auf dem klinischen, 2) auf dem pathologisch-anatomischen Wege, 3) durch das Experiment.

Alle diese drei Wege sind falsche, sie sind nicht allein für die Diphtherie, sondern auch für die Pockenfrage und für alle ähnlichen Fragen nichts wert, ja sie sind geeignet, – wenn nicht Zufall den Ärzten die Lösung der Frage in den Schoß wirft – immer weiter vom richtigen Wege abzuführen.

Die Klinik kann keine Auskunft geben, weil die volkswirtschaftlichen Schädlichkeiten, aus welchen eine Epidemie entsteht, schon fernab von dem Gebäude der Klinik, nämlich innerhalb der Familien liegen, und sich hier bereits abgespielt hatten, bevor die Erkrankten in dem Spital Aufnahme fanden.

Die pathologische Anatomie steht wohl den Zerstörungsausgängen des Krankheitsprozesses nahe, aber um so ferner seinen Anfängen und gar seinen Ursachen. Das „Experiment“ endlich kann wohl eine Ursache, welche bereits auf anderem Wege aufgefunden ist, bestätigen, die Wirkung erklären, aber  zum Suchen nach der unbekannten Ursache fehlt auch dem Experiment jedwede Handhabe.

Wir sehen also, dass beim Ausbruche der Pockenepidemie die ganze Richtung unserer Staats- und Kathedermedizin nicht geeignet war, den Studierenden der Heilkunde und den Ärzten die nötige Findigkeit zum Aufdecken der Ursachen der Pocken beizubringen.

Teil 2: Das vergleichende Studium der Tier- und Menschenblattern

Ich habe noch immer gefunden, dass zum Studium einer Volkskrankheit das Studium der entsprechenden Tierkrankheit die fruchtbarste Anleitung gibt. Was hätte uns die Kenntnis des klinischen Symptomenbildes der Trichinosis ohne die Kenntnis der Trichinosis des Schweins genützt?

Der Ursprung und die Verbreitungswege der Menschenkrätze würden im Dunkel gehüllt bleiben, wenn wir nicht die Brutstätte der Krätzmilbe in dem Fell und der Wolle der krätzigen Schafe im Wollhandel verfolgten. Das Wesen und die verhüllte Ursache der Diphtherie des Menschen kann nur erforscht werden aus der bereits so glücklich erforschten Diphtherie des Schweins.

Nicht anders verhält es sich mit den Pocken. Ich frage mich wie bei den erwähnten Krankheiten: wo steckt im Stalle das Spiegelbild des Menschen? Da stellt sich nun das Schaf dar. Das Schaf ist das einzige Tier, welches in der Gegenwart wie in der Vorgeschichte früherer Jahrhunderte das Geschick, massenweise an den Pocken zu erkranken, mit dem Menschen teilt.

Folgerichtig müssen wir uns sagen, dass die abgelegten Kleider pockiger Schafe, die Schafwolle und Schaffelle, für die Einpflanzung und Weiterverbreitung des flüchtigen Pockengiftes unter den Menschen mindestens ebenso gefährlich werden müssen, wie die nicht desinfizierten Kleider pockenkranker Menschen.

Von dieser Annahme ausgehend, müssen wir auf die beste, ja auf die einzig richtige Forschungsfährte gelangen, auf eine Fährte, zu deren Beschreitung der Arzt aber auch aufhört, ein Vorrecht vor dem aufmerksam beobachtenden Laien zu haben.

Um die Annahme verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen Pocken der Schafe bzw. der Schafswolle und Pocken der Menschen aus der Bedeutung einer bloßen Hypothese heraus zu dem Werte  einer begründeten Theorie zu erheben, müssen wir – wie bei der Trichinosis zwischen Trichine des Schweins und Trichine des Menschen – zuerst die Übertragbarkeit des Pockengiftes von dem Schaf auf den Menschen durch das Experiment nachweisen.

Da steht uns nun außer der alltäglichen Erfahrung der Tierärzte ein Geschichtszeugnis aus einer Zeit zu Gebote, in welcher man statt der Kuhlymphe, der Vaccine, die Pockenlymphe pockiger Schafe, die Ovine, mit Erfolg zum Impfen der Menschen benutzte.

Dr. Sacco, im Anfange dieses Jahrhunderts Direktor des Impfwesens in Italien, nahm um das Jahr 1806 zum Impfen der Kinder die Lymphe eine Zeit lang aus den Pusteln pockenkranker Schafe und erzielte mit derselben echte Pockenpusteln, welche nach Verlauf und Narbenbildung von den durch Inokulation der Menschenblattern erzielten nicht zu unterscheiden waren.

Auf Grundlage dieses Massenexperiments sind wir heute befugt, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Menschenpocken und Schafpocken auch für die Ausbrüche und Epidemien und Epizootien als experimentell erwiesen anzunehmen.

Übrigens kann dieses Experiment, mit Ovine zu impfen, jeden Tag nachgemacht werden, und sehe ich nicht ein, weshalb der Staat von seinem Standpunkt die Ovination, das Impfen mit Schafpockenlymphe nicht als animale Impfung für gleichwertig mit der Kuhpockenlymphe halten soll.

In dieser Tatsache der experimentellen Übertragung bzw. Überimpfung des Giftes haben wir den Fingerzeug für unsere Weiterforschung.

Teil 3: Geschichte der Pocken bei Schaf und Mensch bis 1500
Schafpocken und Menschenpocken gehen nebeneinander

Der Erste, welcher auf das Zusammengehen der Menschenblattern mit denSchafblattern aufmerksam machte, war ein altrömischer Dichter. Virgil (Georgical II) führt den Ursprung der Pocken der Menschen unmittelbar auf die Pocken der Schafe zurück und bezeichnet als Träger und Vermittler des Giftes das Fell und die Wolle pockenkranker Schafe. Er warnt, Wolle und Häute pockiger Schafe für Bekleidungszwecke zu benutzen; er schreibt wörtlich:

„Das Pockengift kann aus den Schafskadavern weder durch Wasser noch durch Hitze entfernt werden. Niemand darf die von den Pocken angefressenen Felle scheeren noch die faulschweißigen Stoffe aus solcher Schafswolle betasten; sonst wird er von brennenden Blattern befallen und schmutziger Schweiß bricht aus seinen Gliedern hervor“

Einer der ältesten Schriftsteller über die Pocken der Menschen ist ein Priester namens Aaron aus Ägypten, welcher im Jahre 622 zur Zeit Mohameds in Alexandrien lebte (Abul pharaz. p. 99). Von ihm existiert in syrischer Sprache die Beschreibung einer Pockenepidemie, welche aus Ägypten nach Arabien verschleppt worden war.

In Griechenland waren nach Paulus Aeginet im Jahre 641 die Pocken noch unbekannt. Ein jüdischer Arzt, der weise Maserjawaihus aus Basor, welcher die medizinischen „Pandekten“ des ägyptischen Aaron aus dem Syrischen ins Arabische übersetzt hat, beschreibt im Jahre 683 als Folge der Pocken Augenentzündungen und Erblindungen (Rhazes Contin 421).

Im Jahre 753 starb ein Kalif an den Pocken (Rhazes 419). Anno 794 lehrte in Bagdad der berühmte Johannes, Sohn Mesues, die Pocken und Pockennarben mit Wundertränken zu behandeln. Mesue und Isaak, Urenkel des Johannes von Bagdad, im 9. Jahrhundert, verordneten als unentbehrliches Schutz- und Heilmittel gegen die Pocken Schröpftöpfe und Aderlass.

Um die nämliche Zeit beschrieb Phazes, der große Philosoph und Medicus, in den 30. Buche seiner Werke die Pocken des Altertums. Um das Jahr 1180 lehrten Avicebron und Averroes († 1198), dass damals die Pocken alle Völker Europas derart heimgesucht hätten, dass es für ein Wunder gehalten wurde, wenn einer verschont blieb.

So sehen wir die Pocken in den ältesten Zeiten, als die Menschen die Wolle und die Felle ihres Pockenpartners, des Schafes, noch roh, ungewaschen und ungegerbt, in der Wiege des Säuglings und in den Betten der Familien, unter der Sturmhaube und dem Panzer des Kriegers wie als Wamse und Hosen an ihren Körpern trugen, ganze Völker verheerend heimsuchen.

Die Gelehrten, die sogenannten Ärzte und Astrologen, suchten die Ursache der Pocken Jahrhunderte lang in den  Gestirnen. Spätere aufgeklärtere Jahrhunderte bis auf die Jetztzeit glaubten die Quelle des Pockengiftes in einer Anhäufung nicht geimpfter Individuen entdeckt zu haben.

Mit derartigen abergläubischen Phantastereien wurden die Völker bis auf den heutigen Tag zum besten gehalten. An die Worte des römischen Dichters Virgil, welcher mit dem Seherblick des Dichters die einfache Ursache der Pocken in der pockenschweißigen Wolle und in den Fellen pockiger Schafe gefunden hatte, dachte niemand.

Nachdem wir das Schaf, sein Fell und seine Wolle als den Mutterboden des Pockengiftes kennen gelernt, werden wir versuchen, uns über den Verbrauch dieser Rohstoffe aus der Kostümkunde der alten Zeit ein Bild zu machen.  Wir erkennen dann die maßlose Verseuchungsgefahr, welche im Altertum für Fürst und Bettler bestand, aus der Rohwolle der Schafe nicht nur die Räudemilbe, die Krätze, sondern auch das Pockengift zu schöpfen.

Aristoteles (lib. 9 anim.) schreibt über die Verwendung der Schafswolle und der Schafsfelle für Kleider und bemerkt, diejenigen Kleider, die man von der Wolle solcher Schafe verfertigte, welche vom Wolf getötet wären, bekämen mehr Läuse.

In der Bibliothek des landwirtschaftlichen Museums in Berlin fand ich ein Exemplar des alten Buches: „Petri de Crescentis von dem Feld- und Ackerbau zu teutsch mit Figuren, das neunte Buch“. Dort heißt es im 75. Kapitel:

„Von Nutz der Schoff und Lemlin. Uss ire hewten mit den hore werden beltz und fuder der anderen Cleyder. Un wenn ire hewt geheret un gereyniget werden schw (Schuh) und perment. – Dye fel un Wolle der Lemlin synt aller beste um  zu decken menschliche Lyp bequemer wann ir müde“

Auf Seite 129 der neueren Auflage dieses Buches von 1583, Verlag Feierabend, Frankfurt, wird die Pestilenz, d. h. die Pockenkrankheit der Schafe beschrieben. Diese Sätze sind eines der ältesten Geschichtszeugnisse, aus welchem hervorgeht, dass man im Mittelalter und in noch früheren Jahrhunderten, als in den Schafherden die Pocken, wie schon Columella und Virgil bezeugen, fast nie ausgingen, auf Schritt und Tritt Gefahr laufen musste, durch pockige Wolle und Häute sich die Pocken auf den Hals zu laden; damals lieferte das Schaf dem Menschen den ganzen Kleiderbedarf. Schuhe, Kleider, von den Hosen bis zu den Pelzhüten, Kleiderfutter und sogar Betten und Bettdecken wurden aus getrockneten Schafsfellen, mit und ohne Wollbesatz, verfertigt.

Kein Wunder, dass damals unerkannt Betten und Wiegen zu wahren Brutnestern der Menschenpocken wurden. Ein Wunder nur, dass, während Millionen Menschen an den Pocken zu Grunde gingen, ähnlich wie bei der Trichinosis, kein Mensch den Zusammenhang der Menschenseuche mit der Tierseuche ahnte.

Dass bei den Schafen, – von welchen die Menschen ihren ganzen Kleider- und Bettbedarf bezogen, – die Pocken-„Pestilenz“ eine allgemein verbreitete Seuche war, das ist aus verschiedenen landwirtschaftlichen Büchern jener Zeit zu erfahren. Eines derselben heißt:

„Der Veldbau oder das Buch von der Veldarbeit 1545, Straßburg, Sam. Emmel.“ Da kommt auf S. 156 die Stelle vor: „Das die Schaaf die Pestilenz nit gewinne“, „nimm en storcken magen, zerstoß den in Wasser und geuß auf eyn jedes Thier eyn Löffel voll.“ – Also das erste abergläubische Mittel gegen die Pocken.

In „Clemens von Padua“ Sieben Bücher von dem Ackerwerk, 1580, Straßburg bei Bern. Jobin wird „Salz und Schwefel“ als Schutz- und Heilmittel gegen die Pocken der Schafe empfohlen.

Wir sehen hier Menschenpocken und Schafpocken epidemisch nebeneinander hergehen; zwischen den beiden stehen als Vermittler die Wolle und das Fell der pockigen Schafe. Nicht die Geschichte der Medizin, sondern die Geschichte der Kostüme, der Völkertrachten aus jenen Jahrhunderten liefert uns den Schlüssel zu dem Studium der natürlichen Ursachen des Kommens und Verschwindens der Pockenepidemien.

Teil 4: Geschichte der Pocken bei Schaf und Mensch von 1500 – 1700

Die Einführung eigener Methoden, den Schafen und den Menschen die Pocken absichtlich beizubringen: Das Pockenleihen bei den Schafen, das Pockenkaufen (emtio variolarum) bei den Menschen.

Im 16. Jahrhundert erblickten die Schäfer in der Pockendurchseuchung ihrer Herden eine Art Ausreinigung der Schafe von angeborenem Krankheitsstoffe. Wir sehen daher um diese Zeit die Schäfer allerlei Mittel anwenden, um den gesunden Schafen das Pockengift künstlich beizubringen, dieselben absichtlich pockenkrank zu machen. Sie liehen und kauften sich von anderen Schäfern Felle krepierter pockiger Schafe und hingen dieselben im Stalle der gesunden Herden auf oder warfen sie unter die Spreu.

Auch trieb man pockenkranke Schafe in gesunde Herden hinein, um letztere durchseuchen zu lassen. Auf diese Art wurden die gesunden Schafherden, also auch die Verbrauchswollen pockenkrank gemacht.

Was Wunder, dass die Menschen, welche damals fast ausschließlich sich in Rohwolle und in getrockneten Schafsfellen kleideten, beständig von den Pocken heimgesucht wurden! In dieser zweiten Periode soll in England die Pockensterblichkeit 56 % der Gesamtsterblichkeit betragen haben.

Ein ähnliches Verfahren wie das eben geschilderte bei den  Schafen war bei den Menschen im Gebrauch. Von der Voraussetzung ausgehend, jeden Menschen sei das Pockengift angeboren, und dasselbe müsse in dem Blatternprozess sich ausschäumen, und in dem Wahne befangen, dass ein Mensch, welcher nicht geblattert habe, das 50. Lebensjahr nicht erreichen könne, gaben die Leute sich alle Mühe, sich und ihre Kinder mit dem Gifte pockenkranker Menschen zu infizieren.

Zu Gegenproben ließ man es gar nicht kommen. So war es eine allgemeine Sitte, dass  man unter eigentümlichen Fragezeremonien sich von Kindern, welche pockenkrank lagen, die pockeneiterigen Hemden lieh und diese seinen eigenen, gesunden Kindern anzog, damit diese nun auch die Pocken bekämen.

Der Pfarrer Cuno von Salzwedel war einer der ersten, welcher im Anfange des 16. Jahrhunderts diese Methode, die Pocken künstlich weiter zu verpflanzen, beschrieb. Den pockenkranken Kindern wurden für das Leihen der schmutzigen Wäsche einige Geldstücke, meist nur einige Pfennige bezahlt, daher der Ausdruck Pockenkaufen.

Eine andere Methode, sich absichtlich pockenkrank zu machen, war die, dass die gesunden Kinder zu den pockenkranken in das Bett gelegt wurden.


Die Pockenpest unter den Schafen im 16. Jahrhundert, und die ersten Überimpfungen von Schaf zu Schaf

 

Um das Jahr 1500 lebte der schon oben erwähnte berühmte Ackerwirt Peter von Crescentius. Derselbe gab ein mit Holzschnitten illustriertes dickes Buch heraus unter dem Titel: „Von dem Feld- und Ackerbau“ (2. Auflage erschien 1585 bei Verlag Feierabend, Frankfurt a. M.). Auf S. 129 kommt die Rede auf die „Pestilenz der Schafe“, d. h. die Pocken:

 „Etliche Viehärzte wollen, dass man eine lebende Kröte in den Weinreben fasse und dieselben in einen Leinensäcklein verbinde und das kranke Schaf solche ganzer neun Tage lang an den Hals lass tragen.“

Dann heißt es ferner über die Verwendung der Schafsfelle: „Schafsfell, frisch aufgezogen, auf die (kranken) Glieder gelegt, ist die köstlichste Arznei, welche alsbald hilft. Die Schafswolle stillt die Schmerzen und legt die Geschwulst der Glieder, da sie überlegt wird.“

„Johannes Coleri Oeconomie oder Hausbuchs, Vierde Theil, Wittenberg, Paul Helwig 1599“ enthält eine naive Beschreibung der ältesten Methode, das Pockengift von pockigen Schafen auf gesunde absichtlich zu übertragen. Das zwölfte Buch. Das LVI. Kapitel. Vor die Pocken oder Blattern der Schafe:

„In den Hundstagen pflegen auch die Schafe zu pocken. Das ist ihnen ein schädlich und anfällig Ding, welches oftmals macht, dass man die Schafe in einem ganzen Dorf muss wegbringen. Es sagen etliche Schäfer, man solle sie nur im Stalle warm halten, so kommen sie desto eher heraus, man treibe sie nur alle miteinander, beides die gesunden und kranken im Schafstall hart aneinander, dass sie zur Ruhe aneinander stehen, gar gedrängt, so erwärmen sie fein beieinander, und werden die kranken ihrer Pocken desto leichter los, fallen an die gesunden auch mit  und werden je ein Teil los. Doch ists ein sorglich Ding, denn sie sterben gleichwohl bisweilen im folgenden Winter weg.“

Da haben wir das Pockensiechtum unter den Schafen im 16. Jahrhundert. Da gab es pockige Sterblingsfelle und pockige Sterblingswolle im Überfluss. Der Einfluss des Wollverkehrs auf die Erzeugung großer Menschenpockenepidemien ist also nicht zu verkennen.

Der Grundgedanke der Pockenimpfung ist hier ebenfalls klar ausgesprochen: Die gesunden Schafe sollen den kranken einen Teil des Pockengiftes abnehmen, ihnen die Krankheit tragen helfen; drum sperrte man die gesunden zu den kranken in den Stall ein. Das ist die Impfung und das Impfprinzip in größtem Stile; alle späteren Impfmethoden, namentlich die Lanzetimpfung sind hiergegen nur Spielerei. Johannes Colerus fährt fort:

„Etliche nehmen eines oder zwei oder drei pockende Schafe, je  nachdem, ob es viel oder wenig Schafe sind, binden zweien die Füße zusammen und brennen dieselben lebendig in einem Backofen zu Pulver. Alsdann stampfe man das Pulver und siebe es durch und nehme ein Kraut, Attich genannt, dörre es und stoße es zu Pulver, danach nehme man Leinsaat und Salz, menge alles durcheinander und gebe es den Schafen zu essen. Dasselbe tue acht oder zehn Tage nacheinander. Es wird helfen, probier es.“

„Etliche nehmen vier oder fünf blattrige Schafe, halb lebendige, halb tote, pulvern sie in einem Backofen mit einem Sack voller Grossen [?] und Ohmeisen [?] und geben solch Pulver den Schafen unter das Salz mit zu essen, so vergehet die Krankheit balde.“

„Etliche nehmen ein unrein (pockiges) Leinlaken von einem unreinen Menschen im Spital und brennen es zu Pulver, darnach so nehmen sie auch das erste pockende Schaf, das sie unter der Herde finden, brennen’s auch zu Pulver und mengen das unter das Salz und geben’s den Schafen.“

Auf diese Weise impften die Schäfer im 16. Jahrhundert ihre Herden und züchteten in der Schafswolle das Pockengift zentnerweise. Es ist die älteste Methode zu impfen, die sogenannte Notimpfung der Schafe.

Man ließ die gesunden Tiere nicht etwa nur die Lymphe von pockenkranken, sondern die Asche ihrer ganzen Kadaver mittels des Getränkes sich einverleiben. Man glaubte im Volke steif und fest an die Schutzkraft dieses Verfahrens, so wie heute an die der Lanzetimpfung.

Diese alte Methode, die Asche pockiger Tiere trinken zu lassen, diese innerliche Animalimpfung, erinnert an die allerneueste Art einiger impfgläubiger Homöopathen, welche die Pockenlymphe in großer Verdünnung trinken lassen und hiervon einen Schutz vor den Pocken erwarten.

Teil 5: Geschichte der Pocken bei Schaf und Mensch von 1700 bis 1800

Von der Einführung der Lanzetimpfung (Inokulation) bei den Menschen und bei den Schafen (1700) bis zur Unterdrückung des Verkehrs mit pockigen Schafsfellen und pockiger Schafswolle (1801/16)

Alle Welt glaubt, das Impfen sei erst gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts durch den Chirurg Jenner entdeckt worden. Da ist aber ein großer Irrtum. Die Lanzetimpfung datiert in Europa bereits von dem Anfang des 18. oder dem Ende des 17. Jahrhunderts, also fast 100 Jahre vor der Jennerschen sogenannten Erfindung, welche darin bestand, dass er die Menschen statt mit der Menschenpockenlymphe mit Pockenlymphe vom Kalb oder von der Kuh impfte. Die Impfung entsprang im 17. Jahrhundert aus Aberglaube, Gewinnsucht und Betrug; die Anfänge derselben sind in Dunkel, in betrügerischer Mystik gehüllt.

Bei den rohen Völkern, besonders in Thessalien, war es schon im 17. Jahrhundert Sitte, gesunden Menschen das Pockengift mittels einer Lanzette beizubringen, mit anderen Worten sie zu impfen, zu inokulieren oder, wie man es damals nannte, mit Pockengift zu belzen. Die Einführung der abergläubischen Zeremonie des Impfens in Europa wird von den Geschichtsschreibern in folgender Weise beschrieben:

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erschien in Konstantinopel ein altes Weib, der griechischen Kirche angehörend, welches wegen Betruges aus ihrem Vaterland vertrieben worden war. Diese Frau hatte die Dreistigkeit zu behaupten, die Muttergottes sei ihr erschienen und habe sie gelehrt, als Verhütungsmittel gegen die Pocken, gesunden Menschen mit Pockengift die Wundmale Christi auf den Händen und Füßen und im Gesichte einzuimpfen.

„Anus Thessala ilud negotium asservabat“ … sagt Dr. Rennow in seiner  „histor. Progress. Vaccinat“

Die Pocken-Schriftsteller aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts berichten übereinstimmend mit Betrachtung die Entwicklungsgeschichte der Impfung in Europa. Die verworfenste Sorte von Frauenzimmern besorgte das Impfgeschäft. Die Furcht vor den Pocken trieb ihnen die Dümmsten der Dummen in die Arme.

Verabscheut von den kirchlichen Behörden, und anfangs auch von den Ärzten, trieben die Impfweiber ihr schmutziges Handwerk lange Zeit als Monopol. Erst als die Ärzte sahen, dass mit der Impferei viel Geld zu verdienen war, bemächtigten sie sich ebenfalls der Impfnadel, erwarben sich alsbald Impfkundschaft, und besiegten die Konkurrenz der alten Weiber.

Das Pockenbelzen oder Impfen war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts schon allgemein bekannt, was schon daraus hervorgeht, dass Dr. Krünitz bereits um das Jahr 1765 in seiner Literatur der Pocken mehr als 300 Schriftsteller aufführt, welche über das Impfen geschrieben hatten.

Ganze Bände ließen sich drucken über die Greuel des Impfens im vorigen Jahrhundert. Es ist geschichtlich festgestellt, – vergl. Hufeland „Pocken in Weimar“, – dass das Impfen der gesunden Menschen mit dem Gift von pockenkranken Menschen eine zweite Hauptquelle der verheerenden Pockenepidemien im vorigen Jahrhundert war.

Die Einführung der Lanzetimpfung bei den Menschen im 18. Jahrhundert führte aber gleichzeitig zu der Impfung der Schafe und machte so die Wolle pockenkrank.

Wir haben oben gesehen, dass es in früheren Jahrhunderten bei den Schafzüchtern Sitte war, durch ein absichtliches Zusammentreiben gesunder Schafe mit den pockigen im Pockenstalle ganze Schafherden pockenkrank zu machen und so das Pockengift in der Wolle zu züchten. Im 18. Jahrhundert kam nun wie bei den Menschen, so auch bei den Schafen, zu diesem einfachen Pockenfangen die Lanzetimpfung hinzu.

Die Schäfer hatten, und zwar eher noch als die Tierärzte, den Menschenärzten das Impfen abgelauscht. Mit dem von Jahr zu Jahr steigenden Impfen der Schafe stieg aber auch die Pockensterblichkeit bei den Schafen und die Pocken-Durchseuchung der Schafswolle. Begreiflicher Weise musste mit dieser auch die Pockensterblichkeit der wolltragenden Menschen zunehmen.

Das Impfen der Schafe war gegen Anfang des 19. Jahrhunderts so allgemein und der blinde Glaube an die Schutzkraft der Impfung so fest geworden, dass im Jahre 1806 in Preußen die Landesbehörde sich herbeiließ, den Schafsbesitzern das Impfen der Schafe als ein unfehlbares Vorbeugungsmittel gegen die Pocken anzuempfehlen.

Siebenzig Jahre hielten die Tierärzte an diesem Wahne fest, dass das Impfen schütze, bis ihnen in den 1870er Jahren die Binde von den Augen fiel und sie einsahen, dass im Gegenteil nur da, wo man impfte, die Pocken auftraten, und dass da, wo man die Schafe nicht impfte, die Pockenkrankheit nicht bekannt war. Im Jahre 1870 wurde daher in § 49 des Viehseuchengesetzes für das deutsche Reich das Impfen der Schafe bei Strafe verboten. Dies war das Schicksal des Impfwesens im Schafstalle.

Aber lassen wir die Geschichte der Schaf-Pocken-Impfung. Bei den Menschen war die ursprüngliche Methode der Lanzetimpfung eine abergläubische; man bediente sich dabei einer vergifteten Impfnadel.

Die Impfweiber ritzten den Leuten auf den Handrücken, den Fußrücken, auf der Stirn und an den Wangen, entsprechend den Wundmalen Christi, in Kreuzesform („cruciatim“) die Haut auf und schmierten Pockengift in diese Wunden. Dabei murmelten sie Gebete und Beschwörungsformeln und zündeten geweihte Kerzen an. Die ganze Zeremonie lief auf eine Profanierung der sog. Stigmata hinaus.

Nachdem aber die Pockenimpfung in die Hände der Chirurgen und der Ärzte übergegangen war, ließen diese nach und nach einzelne Stigmen weg, erst die auf den Füßen, dann die im Gesichte, später verlegten sie die Impfstellen von den Handrücken auf die Arme.

Die Gestalt des Kreuzes für die Impfschnitte wurde noch lange beibehalten, stellenweise sogar bis tief in das 19. Jahrhundert hinein, als längst das Gift der Menschenpocke mit dem Gift der Kuhpocke (Vaccine) vertauscht, mit anderen Worten die Jennersche Impfweise eingeführt war.

Im späteren Verlaufe der Geschichte der Impfung begegnen wir keiner einzigen Änderung, sei es in der Technik des Impfens oder in dem Impfwunderglauben, aus welcher wir schließen könnten, dass von der Impfung das Mystische in Form oder Inhalt abgestreift worden wäre.

Ununterbrochen zieht sich das Gepräge des Aberglaubens durch drei Jahrhunderte hindurch; nur sehen wir von Zeit zu Zeit die Impfer sich abquälen, dem Impfkultus ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen, welches aber bis auf den heutigen  Tag stets so fadenscheinig ausfiel, dass man es besser weggelassen hätte.

Jedesmal wurde es den Impfern unbehaglich, wenn sie über ihr Tun wissenschaftlich Rechnung ablegen sollten, und sie gerieten fast in Verzweiflung, wenn besonnene Impfgegner ihnen tatsächliche Beweise für den Wunderschutz der Impfzeremonie abverlangten.

Sehr interessant sind in dieser Beziehung die Streitschriften des Kaiserlichen Hofrats Dr. de Haen aus dem vorigen Jahrhundert, welcher die Pockenbelzer oder Impfärzte in zwei Klassen, in Betrüger oder Betrogene einteilte und in zehn Hauptthesen den Anhängern der Impfung ihren Selbstbetrug nachwies.

Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts war das Pockenbelzen oder Pockenimpfen dermaßen in Verruf gekommen, und des Volkes hatte sich ein solcher Unwille gegen die Pockenbelzer bemächtigt, dass man nahe daran war, den ganzen Impfhumbug, welcher, statt die Pocken zu dämpfen, sie noch vermehrte, als eine ärztliche Torheit über Bord zu werfen.

Da kam der Chirurg Jenner und schmuggelte an die Stelle des Impfstoffes von pockigen Menschen den Impfstoff von pockigen Kühen in die Impfstube ein, und unter dieser Verkleidung trat der alte Impfgötze noch einmal seine verderbenbringende Laufbahn an, geschützt durch die frechste Anpreisung einer erdichteten Impfschutzstatistik.

Teil 6: Geschichte der Pocken bei Schaf und Mensch von 1800 bis 1860

Von der Tilgung der Pocken in der einheimischen Schafswolle (1800/16) bis zu Einfuhr überseeischer Kolonialwolle in Europa (1860/74). Das Sinken der Pockensterblichkeit; das Verschwinden der einheimischen Menschenpocken (der variola nostra) aus Europa.

Im Anfang des 19. Jahrhunderts, in dem einen Lande etwas früher, in dem anderen um einige Jahre später, sehen wir in allen Ländern Europas die Pockensterblichkeit ziemlich plötzlich auf der ganzen Linie sinken.

Fast gleichzeitig mit den Pocken tritt auch die Krätze zurück, eine Hautkrankheit, welche in früheren Jahrhunderten bei Reich und Arm eine große Rolle gespielt und unter dem Krankheitsnamen „Psora“ in den Köpfen und medizinischen Werken der alten Ärzte geheimnisvoll gespukt hatte.

Es ist  kein Zufall, dass Pocken und Krätze, zwei engverwandte Sippen, welche beide ursprünglich wie die Motten vom Schafspelz stammen, in dem ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts ziemlich zu gleicher Zeit sich vor der fortschreitenden Volksgesittung, vor der Macht der Seife und vor gewissen veterinärpolizeilichen Landesgesetzen, welche wir sogleich kennen lernen, zurückzogen.

Wie 100 Jahre früher die Pest, so waren bei Beginn des 19. Jahrhunderts die Pocken den Menschen und ihren Ärzten abhandengekommen, ohne dass diese selbst es wussten, geschweige, dass sie es sich hätten erklären können. Da die Ärzte niemals eine Ahnung von dem natürlichen Entstehen der Menschenpocken gehabt hatten, so konnten sie von dem plötzlichen Verschwinden der Pocken die Ursache erst recht nicht finden.

Und doch musste zwischen dem bisherigen Hochstande und dem plötzlichen Tiefstande der Pockensterblichkeit, also unmittelbar vor ihrer Abfallkurve ein Pockendämpfer großartigen Maßstabes eingeschoben worden sein, ein Dämpfer, welcher nicht sowohl die fertigen Pocken als ihre Ursache, ihre Brutstätte, allenthalben auszurotten die Macht hatte.

Wenn sich nicht bestreiten lässt, dass bis dahin in der Kleiderwolle und in den geschorenen wie den pelzverbrämten Fellen pockiger Schafe die Keime der Pockenepidemien vorrätig versteckt lagen, dann haben wir die Erklärung für das Erlöschen der Pockenseuche im Anfange des 19. Jahrhunderts zunächst in solchen Dingen zu suchen, welche mit der Schafzucht und den Schafpocken, der Wollerzeugung und dem Wollhandel, den Wollindustrien und dem Lumpenverkehr zusammenhängen.

Der Hauptfaktor der Pockenlöschung im Anfange des 19. Jahrhunderts ist die Ausrottung des Pockengiftes aus der Wolle und den Fellen der Schafe um dieselbe Zeit.

Aus tierärztlichen und landwirtschaftlichen Büchern ersehen wir, dass im vorigen Jahrhundert die Felle und die  Wolle der an den Pocken krepierten Schafe ebenso wie die der gesunden Schafe, also wirkliches Pockengift, zu tausenden von Zentnern unbeanstandet in den Handel gingen.

Bei B. Ludw. Hükels „Schafvieh“ (Stargardt 1745) steht S. 57 zu lesen, dass, wenn einem Bauer die Herde von der Seuche dezimiert worden war, er wenigstens die Felle und die Wolle noch rettete. Er verkaufte beides; erhielt für 100 Schafsfelle 12-15 Reichstaler, wofür er dann 15 tragende Schafe wieder beikaufte.

Prof. Sick schreibt 1804, dass die Bauern, wenn die Pocken unter den Schafen aufgeräumt hatten, die Felle zum Trocknen auf den Böden aufhingen.

Prof. Dr. Sacco in Italien erzählt, dass die Schafe, wenn sich die Pocken bei ihnen zeigten, massenhaft zu dem Metzger getrieben, hier geschlachtet und abgeledert wurden.

In Schweden wurde 1765 der Schäferstand, welcher nicht wenig zur Züchtung der Wollpocken beitrug, durch Reichstagsbeschluss aufgehoben.

Sehr interessant für das Studium der natürlichen Entwicklungsgeschichte der Pocken in früheren Zeiten ist in Preußen ein Publikandum [Bekanntmachung] vom 29. April 1772 über Scharfrichter und Abdecker. Hier werden die Befugnisse zum Abledern und zur Abnutzung der erkrankten und gefallenen Tiere aufgezählt. Nach Vorschrift der Edikte vom 18. März 1667, 23. Mai 1682, 22. April 1689, 11. Februar 1704, 11. Januar 1707 und 30. Januar 1721 hatten die Schafsbesitzer und die Schäfer ein verhängnisvolles Privilegium; sie waren von der allgemeinen Verpflichtung, das abgestandene Vieh an den Scharfrichter oder Abdecker des Distriktes abzuliefern, bezüglich der Schafe ausgenommen.

Diese Unsitte, die Kadaver pockiger Schafe den Besitzern zum Abledern und zur eigennützigen Verwertung zu überlassen, musste den Pocken zu einer wahrhaft verheerenden Verbreitung verhelfen.

Wie allgemein im vorigen Jahrhundert die Pocken unter den Schafen waren, und was aus den Fellen der abgelederten pockigen Schafe wurde, das vernehmen wir wiederum aus der Literatur der Tierheilkunde und der Landwirtschaft. Barbaret schreibt 1770:

„Man lederte das gefallene Vieh ab und behielt die Häute, – eine für den Landmann verderbliche Wirtschaft. Es sollte nicht erlaubt sein, dergleichen Häute aufzubehalten.“ (S. 57) „Die Schafpockenseuche war in der Welt so allgemein wie die Kinderpocken in den Jahren worin sie epidemisch sind.“ (S. 80).

„Die Ähnlichkeit der Schafpocken mit den Kinderpocken ist äußerst rührend. Man hat unterschiedliche von den genesenen  Schafen gesehen, deren Haut an dem Kopfe ebenso verunstaltet und narbig gewesen, als das Gesicht eines Menschen, welcher die bösartigsten Menschenblattern gehabt hat.“

Samuel Oedmann, ein bekannter schwedischer Probst, beschreibt die Kostüme aus dem vorigen Jahrhundert und bemerkt dabei, dass man allerwärts die Hosen und Wamse aus getrockneten Schafsfellen (s‘ Kinnbuxor [Lederhosen]) fertigte.

Dr. H. Bloß in seinem Buche „Das Kind“, Stuttgart 1876) erzählt, dass in alter Zeit die kleinen Kinder in Säcken von getrockneten Schafsfellen getragen wurden.

Bei dem schwedischen Schriftsteller F. R. Hastfer (1752) lesen wir, dass die Bauersleute aus ungeschorenen, getrockneten Schafsfellen Bettdecken zusammennähten und sich im Winter damit deckten.

Sollte es Zufall sein, dass bei den Menschen im vorigen Jahrhundert auch die Pockenepidemien am ehesten und am verheerendsten unter den Schafbauern herrschte, während die Städter länger verschont blieben? Hastfer (1752) sagt in seiner Vorrede S. II über die schwedische Schafzucht:

„Die Schäfereien sind die Stütze der Fabriken. Jeder Landmann bereitet sich aus Schafwolle und Fellen selbst das zu, was er zu Kleidern braucht, so dass es unnötig sein wird, ausländische Wolle kommen zu lassen. Es können unsere Landleute ihrer Tücher und Zeuge selbst verfertigen, wie es bei den Engländern gebräuchlich ist.“

Ärztliche Schriftsteller aus dem vorigen Jahrhundert nennen eine bestimmte Sorte Pocken bei den Menschen geradezu Schafpocken (Rosenstein, Schulz, Murrah). „Die Bauern liebten in früherer Zeit die Schafe weit weniger ihrer Wolle, als der Pelze wegen; sie fanden das dicke Leder ihrer zottigen Landschafe für ihren Kleiderbedarf vorteilhaft.“ (J. G. Ribbe, „Schaf und Wolle“, Prag 1825).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top