NS und Impfen

19.02.2022
zuletzt geändert: 01.08.2022

Nationalsozialismus und Impfen, Naturheilkunde, Homöopathie

Nach unserem jetzigen Kenntnisstand war das Impfthema im NS uneinheitlich (wie bei anderen Themen auch). Wir veröffentlichen dazu, was für uns erreichbar ist, damit sich jeder selbst eine Meinung bilden kann. Weitere Infomationen sind willkommen.


 

Angeblichen Impfschutz vorenthalten

„Die Russen werden nicht alt, fünfzig, sechzig Jahre! Warum wollen wir sie impfen? Man muß da wirklich unseren Juristen und unseren Ärzten Gewalt antun: Nicht impfen! Nicht waschen! Schnaps sollen sie haben und Tabak, soviel sie haben wollen! Selbst bei uns hat es Impfgegner gegeben.“
– Heinrich Heim: Monologe im Führerhauptquartier 1941-1944, München 2000, Monolog 19/20.2.1942, nachts, S. 283-4.

1933:  Dr. Heinrich Will zum Verbot der Impfgegner

Der Herausgeber an die Leser!

Mit dieser Doppelnummer beenden wir das erste Vierteljahr und zugleich den ersten Jahrgang unserer Zeitschrift.
Die Gründung geschah aus Gewissensnot. Nachdem das dritte Reich angebrochen war, durften alle Lebens- und Heilreformer hoffen, dass nun auch die Stunde gekommen sei, wo ihnen und ihren Lehren zumindest Existenz und Gleichberechtigung eingeräumt und ihnen ein wirksamer Schutz gegen das gehässige Vernichtungsbestreben der Reaktion zugestanden würde. In den ersten Monaten nahm dies auch einen guten Anfang durch die Einrichtung der Abteilung „Volksgesundheit“ unter Dr. Hörmann, dem alle Lebens- und Heilreformer das größte Vertrauen entgegenbrachten.

Allmählich gelang es aber den feindlichen Mächten bei allen wichtigen Stellen maßgeblichen Einfluss zu gewinnen und die Stellung Dr. Hörmanns zu erschüttern. Es folgten Auflösung der Abt. Volksgesundheit, Verbot der Impfgegnervereine in Sachsen und Thüringen, halbe Lösung der Zivilisationsfrage, versöhnliche Schikanierung von Reformärzten und viele andere Anzeichen, die jeden ernsten Lebens- und Heilreformer mit Sorge und Verzweiflung erfüllten. Wenn auch im neuen Reich die alten mit allen Wasser gewaschenen Gegner der Reform die Oberhand bekamen, dann musste die Lage der Reform schlimmer werden, als je zuvor.

Die Reformer in allen Lagern aber waren eingeschüchtert. Nirgends wagte man, der drohenden Abschlachtung auf kaltem Wege ein energisches „Nein“ entgegenzusetzen, vor allem traute sich aus der Partei selbst – aus falsch verstandener „Disziplin“ heraus – kein Widerspruch hervor.

In dieser inneren Not entschloss ich mich, meinen Schädel hinzuhalten und gründete die Zeitschrift „Deutsche Volksgesundheit“. Es trieb mich dazu ganz allein mein Gewissen.

„Ein Mensch, der eine Sache weiß, eine gegebene Gefahr kennt, die Möglichkeit einer Abhilfe mit seinen Augen sieht, hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, nicht im „stillen“ zu arbeiten, sondern vor aller Öffentlichkeit gegen das Übel auf – und für seine Zeitung einzutreten. Tut er das nicht, dann ist er ein elender pflichtvergessener Schwächlich, der entweder aus Feigheit versagt, oder aus Faulheit und Unvermögen.“

Ich sah die Gefahr der „kalten Beseitigung“ der Reformbewegung durch Einzelmaßnahmen, von Unterorganen, ich sah, wie viele gute alte Nationalsozialisten, z.B. durch das Verbot der Impfgegenervereine in schwere Gewissenskonflikte gegenüber der Partei kamen, also durfte ich nicht „im Stillen“ verzweifeln, sondern musste das tun, was mir für eine Heilung der Zustände das richtige erschien.

Mehr als die Beruhigung meines Gewissens gab mir der Erfolg recht. Die Zeitschrift, ohne Mittel gegründet, ohne Werbekapital, ohne Beziehungen, angewiesen nur auf die Kraft ihrer Idee, hat einen ganz unglaublichen und unerwarteten Aufschwung genommen. Überall, wo sie durch Zufall und Empfehlung hinkam, wurde sie – gerade wegen ihrer kompromisslosen, entschiedenen und scharfen Haltung – mit größter Begeisterung aufgenommen, und heute steht sie als gefestigtes Unternehmen da, welches zweifellos eine große Aufgabe erfüllen wird. Die Feinde der Lebens- und Heilreform, denen wir ein Dorn im Auge sind, schleichen bei den Behörden herum, um ein Verbot unserer Zeitschrift zu erzielen, und haben uns dadurch selbst bei den höchsten Spitzen bekannt gemacht – – und uns auch dort ehrliche Freunde und Förderer gewonnen!

Nun danke ich all denen, welche trotz wirtschaftlicher Not, trotz Überschwemmung mit Lesestoff sofort und begeistert den Weg zu uns gefunden und z.B. unter größter Aufopferung unser Werk gefördert haben. Unser Ziel ist die Erneuerung unseres Volks, d.h. die Erneuerung an Geist, Seele und Leib.


31.01.1934: Verbot impfgegnerischer Propaganda

Photo: Unbekannt, fair use.

Die genaue Quelle bleibt aufzufinden.


Naturheilkunde seit Virchow und im NS

Die eigentliche Trennung in Schulmedizin und alternative Heilmethoden geschah erst, als Rudolf Virchow (1821-1902), der Erfinder der Zellularpathologie, die Entstehung von Krankheiten aus Zellveränderungen erklärte. Er meinte, nur einzelne Zellen oder Zellgruppen können sich verändern und damit eine Krankheit auslösen, nicht aber der gesamte Körper. Der Großteil der Mediziner ließ sich verstärkt auf die naturwissenschaftliche Orientierung der Medizin ein.

Besonders in der Diagnostik wurden große Fortschritte erzielt. Zu nennen sind dabei die Röntgen- oder X-Strahlen, die mit kürzeren Wellenlängen als das Licht auf Grund ihrer unterschiedlichen Durchdringungsfähigkeit in der Medizin zur Durchleuchtung des menschlichen Körpers verwendet werden.

Die Naturheilvereine, die sich seit den 1880er Jahren im gesamten Deutschen Reich gegründet hatten, lehnten die neue „Art der Medizinheilkunde“ ab und organisierten sich im November 1888 im „Deutschen Bund der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilose Heilweisen“. (Nach Huerkamp waren dies 142 Vereine mit etwa 19.000 Mitgliedern.)

Bis zum Ersten Weltkrieg wurde ein Wachstum auf etwa 150.000 Mitglieder in 885 Vereinen verzeichnet. Dieser Aufschwung führte dazu, dass die Mediziner sämtliche Vertreter der Naturheilkunde pauschal mit dem Begriff „Kurpfuscher“ belegten und damit eine Abgrenzung auch gegenüber naturheilkundlich ausgerichteten Ärzten vornahmen. Die entschiedene Impfgegnerschaft der Naturheilkundeanhänger, die sich während der Weimarer Republik in Organisationen wie „Impfgegnervereinigung“ zusammenschlossen, verstärkte die Ablehnung der Naturheilbewegung durch die Schulmediziner.

Diese Ablehnung bewirkte, dass in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von einer „Entseelung der Heilkunde“ gesprochen wurde. Es wurde die zunehmende Technisierung der Medizin beschrieben und gegen die überzüchtete Spezialisierung protestiert, gegen den ärztlichen Großbetrieb, gegen die Reduktion des Kassenarztes zu einem „Sklaven der Versicherungen“ und gegen die pharmazeutische Großindustrie, die den Arzt ununterbrochen mit neuen Pharmaka überschüttete.

Am 19.1.1926 wurde in Berlin der Reichsausschuss der gemeinnützigen Verbände für Lebens- und Heilreform gegründet, er umfasste den Biochemischen Bund Deutschlands, den Bund homöopathischer Laienvereine, den Bund für naturgemäße Lebens- und Heilweise, den Kneipp-Bund und den Bund der Felke-Vereine.

Dieser Reichsausschuss wurde zur Ausgangsbasis für die dann 1935 in Nürnberg gegründete „Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweise“.

Der erste Lehrstuhl für Naturheilkunde wurde nach dem Ersten Weltkrieg 1920 in Berlin gegründet und mit Max Schönenberger (1865-1933) besetzt. In Leipzig wurde 1919 in der Klinik für Innere Medizin ein Lehrauftrag für physikalisch-diätetische Therapie eingerichtet. Da aber die neugeschaffene Stelle mit einem Schulmediziner besetzt war, blieb die Forderung unerfüllt, den Medizinstudenten die Naturheilkunde mit von der Schulmedizin abweichenden Auffassungen zu vermitteln. Die Möglichkeit der stationären naturheilkundlichen Behandlung stärkte die Position der Naturheilkundebewegung gegenüber der wissenschaftlich begründeten Medizin, die Anerkennung durch die wissenschaftliche Medizin blieb ihr allerdings zu diesem Zeitpunkt versagt.

Mit der Machtübernahme wurden gerade die therapeutischen Methoden, die der Volks-und Naturheilkunde und der lebensreformerischen Medizin zuzurechnen waren, aufgewertet, sie hatten mit Julius Streicher, Rudolf Hess und Heinrich Himmler wichtige politische Repräsentanten auf ihrer Seite. Besonders Himmler hatte nach Aussagen seines Biographen ein ausgesprochenes Interesse für das Gebiet der Naturheilkunde:

Er war ein ausgesprochener Gegner der „Spritzmanie und der „Heilmittelindustrie“, er vertrat die Rückkehr zu einfachen Heilmethoden und die Verwendung von Heilmitteln wie die Natur sie uns bietet. Er sah besonders in den Kräutern und deren Säften einen unerschöpflichen Schatz. Himmler war in medizinischen Fragen sehr belesen, ihn interessierten naturgemäß die sogenannten Außenseiterverfahren, wie man sie heute zu nennen pflegt. […]

An den Hochschulen wird auch einmal hier und da über Naturheilkunde gelesen, aber welch kümmerliche Rolle spielt sie hier. Sie wissen ja selbst mit welcher Verachtung so ein richtiger Allopath auf den Mann herabschaut, der mit Wasser und Kräutern heilt, und wie er die Naturärzte verachtet. Dabei sollte doch jeder Arzt Naturarzt sein und sein ganzes Bemühen darauf abstellen, mit den einfachsten Mitteln der Natur den Menschen zu helfen.

Nach Bothe waren die Naturärzte von der eingetretenen Wende überwiegend begeistert, denn ihre Vertreter erhofften sich nicht nur Aufwertung und staatliche Anerkennung ihrer Heilverfahren, sondern sie sahen sich in dem nationalsozialistischen Bekenntnis zur biologischen Betrachtungsweise auch in ihren grundsätzlichen Auffassungen bestätigt. Die naturärztlichen Organisationen sowie die meisten ihrer Mitglieder begrüßten nicht nur die in Aussicht gestellte Anerkennung, sondern auch die neue Ausrichtung der Medizin.

Unter dem Begriff „Neue Deutsche Heilkunde“ wurde nach der Machtübernahme versucht, sämtliche Richtungen in der Heilbehandlung zu vereinen. Die vermeintlich an der Natur orientierte Heilkunde sollte mit der biologischen Denkweise, der Blut- und Bodenideologie des Nationalsozialismus zur Deckung gebracht werden und als ideologische Grundposition in der Heilkunde verankert werden.

Als Aufwertung für die Naturheilkunde kann man auch die Tatsache werten, dass das Johannstädtische Krankenhaus in Dresden, das am 1. 4. 1932 geschlossen wurde, nach der Machtübernahme als Biologisches Krankenhaus wiedereröffnet wurde. Der Leiter des Krankenhauses, Alfred Brauchle (1898-1964), verzichtete allerdings aus prinzipiellen Gründen auf die Homöopathie, da sie im Vergleich zur Naturheilkunde keine besseren Erfolge erziele. Für ihn war der Gegensatz zwischen Homöopathie und Naturheilkunde größer als zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin.

Die mit der 1935 eingeführten Pflichtfortbildung für Ärzte in Dresden regelmäßig durchgeführten Kurse über Naturheilkunde im Rahmen der Gesamtmedizin erfreuten sich großer Beliebtheit. Bothe beschreibt eine Bereitschaft der Schulmediziner, von der Naturheilkunde zu lernen, was zu lernen ist, d.h. einzelne therapeutische Methoden in das Therapiespektrum aufzunehmen, aber nicht die gesamte wissenschaftliche Erfahrung zugunsten von naturheilkundlichen Theorien aufzugeben.

Er spricht von einer Aufwertung der Naturheilkunde, denn die grundsätzlichen Ideen der Anhänger der Naturheilkunde wurden durch die staatliche Anerkennung bestätigt, zum anderen wurden gewisse Elemente naturheilkundlicher Behandlung in den Leistungskatalog der neuen, nach der Natur ausgerichteten Medizin übernommen, so dass auch eine gewisse Anerkennung von Seiten der Schulmediziner stattfand.

– Dissertation von Roswitha Haug: Die Auswirkungen der NS-Doktrin auf Homöopathie und Phytotherapie. Eine vergleichende Analyse von einer medizinischen und zwei pharmazeutischen Zeitschriften (2009).


Impfen in Österreich nach dem Anschluß 1983

Zitat: „Typisch österreichisch

In einigen Bereichen wurde die Impfung aber auch in Österreich zur Bedingung gemacht, etwa für den Eintritt in die Schule, ins Militär oder für die Bewilligung von Stipendien. „Konsequent exekutiert wurde das aber nicht – kein ungeimpftes Kind wurde abgewiesen“, sagt Angetter-Pfeiffer. „Wenn man so will, war es eine typisch österreichische Lösung“, sagt Angetter-Pfeiffer.

Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert, als es nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zur Rechtsangleichung kam und 1939 das deutsche Reichsimpfgesetz – samt Pockenimpfpflicht – übernommen wurde. Das Impfgesetz bestand in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert. „Es handelt sich dabei also um kein spezifisch nationalsozialistisches Gesetz“, sagt Herwig Czech, Professor für Medizingeschichte an der Med-Uni Wien.

Widersprüchliche Haltung

In Sachen Impfung könne man den Nationalsozialisten auch keine einheitliche Haltung zuschreiben: „Es gab zwar rechtsesoterische, naturheilkundlerische Strömungen und auch die Verbindung von Antisemitismus und der Abwehrstellung gegen eine als Schulmedizin denunzierte wissenschaftliche Medizin. Diese Naturheilströmungen konnten sich aber nicht sehr breit durchsetzen, zumindest nicht an den Universitäten“, sagt Czech. Die Ideologisierung der Medizin zeigte sich eher daran, dass die „Rassenhygiene“ zum Leitparadigma im öffentlichen Gesundheitswesen wurde.

Die widersprüchliche Haltung gegenüber Impfungen wurde zum Beispiel sichtbar, als an der Wiener Universitätskinderklinik Versuche mit einem Impfstoff gegen Tuberkulose stattfanden, für die Kinder aus der Tötungsanstalt „Am Spiegelgrund“ als Versuchspersonen missbraucht und später vermutlich ermordet wurden. Andererseits ist unklar, in welchem Ausmaß die allgemeine Pockenimpfpflicht in der NS-Zeit in Österreich tatsächlich vollzogen wurde.

– Quelle: 27.11.2021, Der Standard: Impfpflicht oder nicht? Eine jahrhundertealte Debatte


NS als Biokratie?

Frage: In den 1930er-Jahren wurde dann die Diphtherie-Schutzimpfung eingeführt – als freiwillige und nicht als Pflichtimpfung. Wie erklärt sich das in einem totalitären Regime wie dem Nationalsozialismus?

Leven: Im NS-Regime, das rückschauend in der Forschung zutreffend als „Biokratie“ bezeichnet wird, waren das Biologische, Gesundheit und Stärke Leitbilder für die „Volksgesundheit“. Daher würde man durchaus erwarten, dass in diesem Regime andere zwangsweise Impfungen eingeführt worden wären – das ist aber nicht der Fall gewesen. Man muss das auch im Kontext der NS-Führungsspitzen sehen: Hitler, Hess, auch Himmler waren Anhänger einer Alternativmedizin, die der naturwissenschaftlichen Medizin misstraute. Die Impfungen wurden gleichwohl propagiert, aber nicht verpflichtend eingeführt. Bei der Wehrmacht war es etwas anderes, da wurde durchgeimpft.

Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven über die Geschichte der Schutzimpfungen

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